Das Herdbuchscreening der Alpaca Association eV.
Das AAeV-Herdbuchscreening
Im Folgenden möchte ich hier gerne das Herdbuchscreening der AAeV vorstellen, an dessen Entwicklung ich vor mittlerweile über 7 Jahren mitarbeiten durfte und dessen Weiterentwicklungen ich seitdem aktiv begleiten konnte.
Eine Beschreibung ist natürlich immer eine ziemlich „trockene“ Sache, deshalb kann ich jeden Interessenten nur einladen, sich ein solches Herdbuchscreening unbedingt einmal „im Original“ anzuschauen. Wie bei den entsprechenden Veranstaltungen in der Pferdezucht, hier „Körung“ genannt, oder in der Hundezucht üblich, sind die Herdbuchscreenings auch in der AAeV selbstverständlich öffentliche Veranstaltungen, auf denen man auch als Zuschauer gern gesehen ist und viel lernen kann.
Sie sind also herzlich eingeladen, am 10. März 2012 in Ladbergen beim nächsten Herdbuchscreening der AAeV zuzusehen. Wir werden hier ca. 15 Alpakas prüfen lassen. Es finden aber auch an anderen Standorten in Deutschland Herdbuchscreenings statt, die Orte und genauen Termine werden im Februar auf der Homepage der AAeV veröffentlicht werden.
Wer beurteilt die Alpakas beim Herdbuchscreening der AAeV?
Für die Ausbildung zum Richter für Alpakas gibt es einen international anerkannten, mehrjährigen und sehr schwierigen Ausbildungsweg. Dazu müssen die Richteranwärter nach einer umfassenden Ausbildung vor allem auch in den südamerikanischen Ländern in vielen Tests und einer sehr schwierigen Abschlussprüfung ihre Kenntnisse beweisen. In Deutschland gibt es noch niemanden, der diese Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat.
Glücklicherweise ist die Alpakazucht in Großbritannien uns einige Jahre voraus, so dass es dort inzwischen eine große Anzahl ausgebildeter Richter gibt. Aus diesen wählen wir jedes Jahr 2 Richter aus und bitten sie, bei unserem Herdbuchscreening die Alpakas zu bewerten.
Das waren bisher: Val Fullerlove, Alexis Harrington-Smith, Nick Harrington-Smith, Gaia Dakalo, Paul Cullen und Ian Waldron. Sie sehen, dass es sich um absolute Top-Richter handelt, die auf der ganzen Welt gefragt sind und auch viele Shows richten bzw. gerichtet haben.
Diese Richter bewerten das Aussehen, die Bewegungen und die Faser der Alpakas (dazu komme ich später noch ausführlich).
Für die Beurteilung der Gesundheit und körperlichen Korrektheit der vorgestellten Alpakas ist es uns gelungen, einen sehr engagierten Tierarzt zu gewinnen, der sich besonders mit Alpakas auskennt und mittlerweile Professor in der Klinik für Wiederkäuer an der Veterinärmedizinischen Universität Wien ist: Univ. Prof. Dr. Thomas Wittek, Diplomate ECBHM. Er hat auch für das Herdbuchscreening 2012 wieder seine Zusage gegeben.
Mit der Beurteilung durch einen so erfahrenen Tierarzt können wir sichergehen, dass die geprüften Tiere keine gesundheitlichen Mängel haben, die eventuell nicht erkannt wurden.
Wir halten es in der AAeV für ganz besonders wichtig, dass unsere Tiere objektiv, unabhängig und verlässlich beurteilt werden. In Wochenendkursen kann man nach unserer Auffassung keine Qualifizierung erreichen, die berechtigt, Alpakas als gut oder schlecht zu bewerten:
Der Beurteilung der Richter entscheidet schließlich über die Weiterentwicklung unserer Zucht, nur mit guten und objektiven Richtern ist eine solide Beurteilung für uns Züchter erreichbar, die ja so wertvoll ist für unsere weiteren Zuchtentscheidungen (seien wir doch einmal ehrlich: wir sind doch alle ein Stück weit „betriebsblind“ und können uns in der Beurteilung unserer eigenen Tiere nicht von beeinflussenden emotionalen Gedanken frei machen).
Welche Voraussetzungen müssen Alpakas erfüllen, um zum Herdbuchscreening der AAeV zugelassen zu werden?
A.: Sie müssen zunächst einmal im Register der AAeV angemeldet sein. Bei der Anmeldung wurde eine DNA-Probe analysiert und gespeichert, falls eine Abstammung angegeben wurde und die Eltern im AAeV ebenfalls registriert sind, wurde diese überprüft. Während des Herdbuchscreenings wird erneut eine DNA-Probe genommen, um zu bestätigen, dass es sich auch wirklich um das angemeldete Tier handelt.
B.: Außerdem muss das Alpaka mindestens 2 Jahre alt sein für das Herdbuchscreening. Warum? Gerade der Körperbau, aber auch die Faser verändert sich in den ersten 2 Jahren sehr stark. Langsam wachsende Tiere können sich noch entwickeln, Beinstellungen verbessern, Hengste mehr Ausstrahlung bekommen. Auch die Faser kann durchaus besser und nicht nur schlechter werden.
Die Zuverlässigkeit der Beurteilung durch die Richter wird durch den späteren Zeitpunkt sehr viel höher.
C.: Sie müssen seit mindestens ½ Jahr in Deutschland leben, die zu bewertenden Faser hier gewachsen sein.
Wie ist der Ablauf beim Herdbuchscreening der AAeV?
Am Ort der Durchführung des Herdbuchscreenings müssen 4 voneinander abgetrennte Bereiche zur Verfügung stehen:
Je einer für die beiden Richter, einer für den Tierarzt und einer für die Messstation.
Außerdem wird ein weiterer Platz für die Kontrolle aller Daten benötigt.
Seit der Umstellung auf das Computersystem werden alle Punktwerte und Daten von den Richtern, dem Tierarzt und denen, die das Alpaka messen und wiegen, direkt in verschiedene Laptops eingetragen.
Der Computer gibt den Richtern die zu bewertenden Kriterien vor sowie den Bereich der zu vergebenden Punkte (für sehr gut bis sehr schlecht oder sogar Ausschluss).
Dazu zeige ich demnächst einige Tabellen mit den gefragten Parametern.
Jeder Richter bewertet nun getrennt und unabhängig das Alpaka und trägt seine Beurteilung in den Laptop direkt ein.
Nachdem ein Alpaka von beiden Richtern bewertet wurde, prüft das Computerprogramm, ob ungewöhnliche Abweichungen in der Beurteilung beider Richter aufgetreten sind und warnt in einem solchen Fall, damit die Richter sich zur Überprüfung noch einmal zusammen das Alpaka ansehen können. So werden Fehleinträge u.ä. vermieden.
Anschließend untersucht der Tierarzt das Alpaka, nimmt die Mundschleimhautprobe und trägt ebenfalls seine Befunde direkt ein.
Sollte einer der 3 Beurteilenden einen Grund für einen Ausschluss aus dem Herdbuch finden, müssen alle drei das Alpaka noch einmal ansehen und bestätigen, dass sie alle drei ein Ausschlusskriterium gefunden haben. Glücklicherweise kommt das sehr selten vor.
Häufiger ist es, dass die Zähne noch im Wechsel sind und deshalb nicht sofort und abschließend beurteilt werden können. In einem solchen Fall muss der Besitzer des Alpakas zu einem späteren Zeitpunkt eine Bestätigung seines Tierarztes bringen, dass die Zähne jetzt vollständig und korrekt sind. Erst dann kann dieses Alpaka in das Herdbuch eingetragen werden.
Als letztes wird das Alpaka gemessen und gewogen und natürlich wird auch die Faser entnommen:
Weil wir alle uns wünschen und darauf hin züchten, dass unsere Alpakas eine Faser haben, die möglichst über den ganzen Körper sehr gleichmäßig und gut ist, werden an drei Körperstellen Faserproben genommen:
In der Mitte des Blanketts, über der Mitte des Schulterblatts (also am vorderen Rand des Blanketts) und über der Mitte des Oberschenkelknochens (entsprechend dem hinteren Rand des Blanketts).
Alle drei Faserproben werden sofort fest verschlossen. Von den Ergebnissen der Analyse wird später für die Beurteilung das schlechteste Ergebnis verworfen, die Werte der verbleibenden beiden Proben werden gemittelt und dieser Mittelwert mit Punkten bewertet jeweils für Feinheit (Micron), Gleichmäßigkeit (SD), Prozentanteil von Fasern über 30. Die Curvature wird ebenfalls gemessen, aber derzeit noch nicht bewertet.
Für eventuelle Nachmessungen verbleibt eine zusätzliche vierte Probe als Rückstellprobe beim Verein.
Für die Analyse schickt der AAeV die Fasern an ein I.W.T.O.-zertifiziertes Labor in Australien.
In diesem Labor werden die Werte anschließend, wie in der faserverarbeitenden Industrie üblich und notwendig (und für diese züchten wir ja unsere Alpakas), an der gesamten Länge der Faser ermittelt, also die Werte des gesamten vergangenen Jahres gemessen. Dazu werden 2-mm-Schnipsel geschnitten (Minicoring), die alle mit einem Laser gemessen werden. Damit lässt sich ein Manipulieren der Faser durch Hungern des Alpakas verhindern: wenn man ein Alpaka nämlich nur für 4 Wochen „mager“ ernährt, ändert sich noch nicht erkennbar der Ernährungszustand, aber der zuletzt gewachsene Teil der Faser ist wesentlich feiner als zuvor (die Schwankungen können durchaus 8-10 Micron ausmachen!). Bei vielen in Deutschland üblichen Messverfahren wird nur an dieser zuletzt gewachsenen Schnittstelle gemessen. Das öffnet in unseren Augen „Manipulierern“ Tor und Tür und wird vom AAeV beim Herdbuchscreening durch diese andere Messmethode verhindert.
Nach dem Durchlaufen der 4 Stationen ist das Alpaka „entlassen“.
Jetzt werden alle Daten noch einmal überprüft, nachgesehen, ob alle Einträge vollständig sind und keine „Unstimmigkeiten“ aufgetreten sind (z.B. ein Beurteiler ein Ausschlusskriterium eingetragen, aber nicht mit den anderen beiden besprochen hat). Zu diesem Zeitpunkt kann der Besitzer des Alpakas die Beurteilung des Körperbaus, der Bewollung und der subjektiven Faserbeurteilung sofort in Form einer Punktzahl erfahren.
Da die Faserproben nach dem Screening noch verschickt werden und die Analyse mindestens 6 Wochen benötigt, kann die endgültige Vergabe der Punktzahl erst nach Eintreffen und Auswertung der Faser an den Besitzer weitergegeben werden.
Seit 2008 werden für die 3 besten Alpakas eines Herdbuchsscreenings sowie für das Alpaka mit der besten Faser und das mit dem besten Körperbau jeweils besondere Preise vergeben, die auf der darauffolgenden Jahreshauptversammlung der AAeV überreicht werden.
Alle Ergebnisse der Herdbuchscreenings werden für AAeV-Mitglieder einsehbar auf der Homepage der AAeV eingestellt. Damit können Züchter eine Vorstellung von der Qualität eines Zuchttieres bekommen.
Wie können die Punkte des AAeV-Herdbuchscreenings mit anderen Herdbüchern verglichen werden?
Das ist glücklicherweise sehr einfach, weil wir bei der Errichtung des Herdbuchs neben Bewertungssystemen anerkannter internationaler Profizüchter auch das ARI-System der AOBA, der amerikanischen Alpakazüchtervereinigung mit eingepflegt haben. Da dieses System dem des AZVDs sehr ähnelt, lassen sich die Punktzahlen sehr leicht „umrechnen“:
Ein Alpaka der Klasse A muss im ARI- oder AZVD-System mindestens 80 Punkte erreichen, die Maximalzahl sind 100 Punkte (in seltenen Fällen können zusätzliche 5 Punkte für extrem gute Bewollung hinzukommen).
Diese Klasse A entspricht im AAeV-System dem Bereich zwischen 400 und 500 Punkten.
Also entspricht jeweils ein Punkt im ARI- oder AZVD-System 5 Punkten im AAeV-System (z.B.85 Punkte ca. 425 Punkten, 90 Punkte 450 Punkten, 96 Punkte 480 Punkten).
Allerdings gibt es bei der AAeV keine Obergrenze für die objektiven Faserwerte. So kann ein Alpaka, das vielleicht einmal mit nur 10 Micron in das Herdbuchscreening kommt, deutlich unterschieden werden von einem mit 13 Micron oder einem mit 15 Micron. Im ARI- oder AZCD-System würden alle diese Tiere die gleiche Punktzahl bekommen, der Züchter könnte die Qualitätsunterschiede also nicht dokumentiert bekommen.
Beim Herdbuchsystem der AAeV können deutlich mehr als 500 Punkte ausschließlich durch sehr gute Faser erworben werden, der Rekord liegt derzeit bei 549 Punkten!
Alpakas der Klasse B (noch als Zuchttiere anerkannt mit 70-79 Punkten) entsprechen in der AAeV dem Bereich zwischen 350 und 400 Punkten und sind auch in der AAeV als Herdbuchtiere eingetragen.
Allerdings „verbieten“ wir in der AAeV keinem Züchter, auch mit Tieren außerhalb des Herdbuchs zu züchten, denn die Zucht muss in der Eigenverantwortung der Besitzer bleiben. Nachkommen solcher Alpakas, die nicht im Herdbuch sind, können also jederzeit an Herdbuchprüfungen teilnehmen.
Dieses System hat unseres Erachtens nur einen Nachteil: es bewertet das Alpaka selbst, aber nicht seinen Zuchtwert, sein genetisches Potential.
Um dieses Manko auszugleichen, haben wir schon von Anfang an neben dem Herdbuchsystem ein weiteres System etabliert:
das Stut- und Hengstbuch der AAeV.
Hier können Alpakas hineinkommen über die nachgewiesene Qualität ihrer Nachkommen.
Wie geht das vor sich?
Wenn ein Hengst Nachkommen hat, die den Eintritt in das Herdbuch geschafft haben, bekommt er für jeden dieser Nachkommen, Kinder wie Enkel, Punkte zugewiesen (das gleiche gilt natürlich auch für Stuten).
Bei einer ausreichenden Punktzahl erfolgt automatisch der Eintrag auf der Homepage der AAeV.
Auf diese Art können auch Alpakas in ihrem Zuchtwert bestätigt werden, die z.B. schon verstorben sind oder aus (meist gesundheitlichen) anderen Gründen nicht am Herdbuchscreening selbst teilnehmen konnten.
Wir hoffen, dass sich so über die Jahre besonders erfolgreiche Zuchtlinien herauskristallisieren. Dafür ist es natürlich für jeden Züchter wichtig, dass möglichst viele seiner gezüchteten Nachkommen ein Herdbuchscreening durchlaufen.
Es ist außerdem für jeden Besitzer von Zuchttieren eine optimale Chance zu dokumentieren, dass er auf hohem Niveau züchtet. Denn seien wir mal ehrlich: es gibt sehr viele Alpakabesitzer, zu viele vielleicht, die behaupten, Qualität zu züchten, den Nachweis aber aus gutem Grund schuldig bleiben.
Und auf einer Show vorne zu liegen, ist deutlich weniger aussagefähig:
- es ist ja nur 1 Richter da, der Vorlieben hat und bestimmte Eigenschaften oder einen bestimmten Typ mag oder nicht mag.
- das Alpaka ist sehr gestresst durch die Reise,
- die “Konkurrenz” ist groß oder klein, gut oder schlecht.
Alles Dinge, die die Ergebnisse einer Show sehr stark relativieren und für die Entscheidung über den Zuchtwert keine belastbare Aussage ergeben.
Die Aabach-Farm hat in den vergangenen Jahren so viele ihrer Alpakas am Herdbuchscreening teilnehmen lassen, dass wir mittlerweile den größten Bestand an Herdbuchtieren im Herdbuch der AAeV besitzen, auch schon einige unserer Zuchttiere im Stut- und Hengstbuch zu finden sind. Das ist uns sehr wichtig, denn so können wir dokumentieren, dass wir mit geprüfter und somit sicherer Qualität züchten.
Ich hoffe, dass möglichst viele Interessenten unsere Einladung wahrnehmen und sich an einem der Standorte des nächsten Herdbuchscreenings ein eigenes Bild machen werden. Sie sind herzlich eingeladen.
Angelika Freitag
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