Tuberkulose – was ist das?
Über Tuberkulose
veröffentlicht auf der Homepage der Alpaca Association eV. und in der Zeitschrift “Allespaka”, Ausgabe 7, August 2010
Durch den Ausbruch und die rasche Verbreitung der Tuberkulose bei Alpakas in Großbritannien mit inzwischen leider hunderten verstorbener Alpakas wurde es auch für uns Alpakazüchter auf dem Kontinent zur Notwendigkeit, sich mit dieser Krankheit zu beschäftigen: Denn leider gibt es derzeit keine zugelassene Möglichkeit, bei importierten Alpakas eine Tuberkuloseerkrankung sicher nachzuweisen oder auszuschließen.
Bei der Tuberkulose handelt es sich um eine bakterielle, chronische Erkrankung, die durch verschiedene Stämme eines besonderen Bakteriums, dem Mycobacterium tuberculosis, verursacht wird.
Der Erreger ist relativ stabil in der Umgebung, d.h. er kann durch Tröpfcheninfektion weitergegeben werden, bleibt aber auch auf Gegenständen und im Boden lange infektiös.
Die 4 Hauptgruppen heißen:
M. tuberculosis (der eigentliche Erreger der klassischen Lungentuberkulose beim Menschen, kommt aber auch bei Tieren vor),
M. bovis (der Erreger der Rindertuberkulose, macht hier meist Lungensymptome. Er wird aber auch über die Milch erkrankter Kühe übertragen und kann dann neben Lungen- auch Darmtuberkulose auslösen),
M. avium („Mäusetuberkulose“, eigentlich Vogel-TB, befällt natürlich häufig Mäuse, kann aber gerade durch diese sehr weit verbreitet werden. Die Aufnahme erfolgt häufig über verunreinigtes Futter, weshalb die Erkrankung meist im Magendarmtrakt abläuft = Darmtuberkulose; befällt ebenfalls Menschen und Tiere),
M. paratuberculosis („Johne’s Disease“, befällt überwiegend das Lymphsystem und den Darmtrakt, wird angeschuldigt, beim Menschen M. Crohn, eine schwere lebenslang-chronische Darmerkrankung mit zu verursachen, ist bei Tieren ebenfalls tödlich und nicht mit den üblichen Tb-Tests zu testen).
Daneben gibt es aber noch einige andere, sehr viel seltenere Mycobacterien, die auch bei Neuweltkameliden schon nachgewiesen wurden.
Alle diese Arten können Untergruppen bilden, die sich über Gentests weiter unterscheiden lassen.
Häufigkeit: Beim Menschen ist M. tuberculosis die weltweit häufigste Infektionskrankheit überhaupt, seine vielfachen Resistenzen führen leider immer noch zu sehr vielen chronischen Erkrankungen und Todesfällen weltweit.
Bei den Tieren, insbesondere den Neuweltkameliden, ist M. bovis der weitaus häufigste Erreger.
Die Verbreitung erfolgt meist über Tröpfcheninfektion, so können andere Tiere auch ohne direkten Kontakt infiziert werden. Und weil der Erreger in der Umgebung nicht sofort abstirbt, als sogenanntes „säurefestes“ Stäbchen auch übliche Säuberungen problemlos übersteht, bleibt auch die Umgebung eines infektiösen Tieres lange Zeit noch infektiös.
Die Erkrankung beginnt meist mit der Aufnahme des Erregers über die Atmung, so dass der erste Kontakt meist in der Lunge stattfindet. Hier werden durch die immunologische Auseinandersetzung knotenähnliche Strukturen gebildet, die Granulome. Bei sehr guter Allgemeinverfassung und geringer Anzahl des Erregers kann es zu einer heftigen Auseinandersetzung mit Zerstörungen innerhalb dieser Knoten kommen („Primärinfektion“), die im günstigsten Fall zu einer Vernichtung des Erregers führt. Die bei dieser Auseinandersetzung ausgelöste „käsige Nekrose“ hinterlässt einen derben Knoten mit tatsächlich käseartig aussehendem Inhalt, bei optimalem Verlauf enthält er keine überlebenden Keime.
Dieser Primärherd ist als Narbe bei vielen Menschen auch radiologisch oft nach vielen Jahren noch nachweisbar.
Bei weniger günstigem Verlauf können in diesem Primärherd aber Keime abgekapselt überleben, die bei späterer Verschlechterung der Allgemeinsituation des Organismus wieder aktiv werden. Beim Menschen wurden solche erneuten Ausbrüche mit schwerer Erkrankung auch nach über 50 Jahren noch beobachtet.
Bei von Anfang an nicht optimalem Verlauf, aber auch bei der beschriebenen späteren Verschlechterung überwindet der Erreger die Barriere des Knotens und breitet sich aus: immer mehr Gewebe wird zerstört, während der Körper versucht, Hüllen darum zu bauen. Das Zentrum dieser „Hüllen“ = Kavernen besteht dann aus käsig-eitrigem Material, das massenhaft Erreger erhält. Bekommt eine solche Kaverne einen Zugang zu einem Lungenbronchus (bricht praktisch in ihn ein) oder bei einem Befall des Darmes Zugang zum Inneren des Darmes, wird der Erreger über die Luft oder den Darminhalt an die Umgebung und damit andere Lebewesen weitergegeben.
Bei ausgesprochen schnellem Verlauf eines sehr stark geschwächten Menschen oder Tieres kann der Erreger auch über den Blutweg verteilt werden. Dann entstehen überall im Körper die beschriebenen käsigen Knoten und der Betroffene verstirbt sehr schnell unter dem Bild der „galoppierenden Schwindsucht“.
Das klinische Bild eines erkrankten Tieres ist zu Beginn völlig unauffällig: es kann je nach Verfassung viele Monate lang völlig normal aussehen.
Diejenigen, die nur eine Primärinfektion durchmachen und überstehen, fallen uns nicht auf, sind auch bei einer Obduktion wahrscheinlich nicht als erkrankt zu erkennen, sie haben die Erkrankung überwunden.
Nur die, die den Erreger nicht schaffen zu überwinden, erkranken nach sehr unterschiedlich langer Zeit, sehr stark abhängend von ihrer Allgemeinverfassung.
Das Erkrankungsbild hängt vom Eintrittsort der Erreger ab: bei Infektion mit Tröpfchen über die Atmung erkrankt zunächst die Lunge: die Tiere beginnen mit Atemwegssymptomen wie Husten und Auswurf, dazu kommt ein allgmeiner Schwächezustand, der sich unaufhaltsam verstärkt und zum Tod führt.
Die Darmtuberkulose zeigt sich fast ausschließlich über die Schwäche, die zum Tod führt, nur selten gibt es Durchfälle oder kolikartige Erkrankungsbilder.
Der sichere Nachweis der Erkrankung gelingt erst durch die Obduktion. Hier können die verkästen Knoten gefunden werden, der Erreger kann mikroskopisch und in speziellen Kulturen nachgewiesen und dann genau identifiziert werden.
Da sich der Erreger bei dieser Krankheit fast ausschließlich im Knoten aufhält, gibt es wenig messbare Antikörper, so dass die üblichen Bluttests bisher nicht möglich sind.
Seit langer Zeit wird ein für Rinder entwickelter Hauttest mit T. bovis durchgeführt. Von diesem Test gibt es verschiedene Variationen. Alle wurden auch bei Neuweltkameliden getestet und galten zwar als nicht sehr sicher, aber als zuverlässig genug, um bei Importen als Test auszureichen.
Aber M. Fowler beschreibt schon in seiner Ausgabe von 1998 die vorhandenen Tests als unsicher bei Neuweltkameliden (sowohl falsch-positive als auch falsch-negative Ergebnisse). Seit vielen Jahren wird in Nord- und Südamerika, aber auch in Australien und Großbritannien nach einem sicheren Test bei Neuweltkameliden gesucht, bisher gibt es keinen Fortschritt.
Eine Therapie gibt es nicht. Zwar ist es theoretisch möglich, die bei Menschen verwendeten Tuberkulosemittel zu geben, aber es bestehen keine Beobachtungen, ob diese sehr teure, aufwändige und unsichere Behandlung zu Erfolgen führt. Es besteht auch keine Möglichkeit zu impfen.
Die Tuberkulose ist in vielen Ländern der Welt bei Menschen und Tieren weit verbreitet. Nur wenige Länder wie Deutschland und Chile gelten als tuberkulosefrei, in anderen wie USA, Peru, Australien, Neuseeland und Großbritannien hat es immer wieder Fälle bei den unterschiedlichen Nutz- und Wildtierarten gegeben.
Neuweltkameliden galten bisher als wenig davon betroffen, man nahm deshalb an, dass sie vielleicht weniger anfällig dafür seien.
Nun sind aber im vergangenen Jahr in Großbritannien zunehmende Erkrankungsfälle bekannt geworden: nachdem zunächst nur 6 Farmen betroffen waren, ist die Zahl bis zum Ende des vergangenen Jahres auf 17 angestiegen, es wird mit einer noch höheren Dunkelziffer gerechnet. Über 100 Alpakas sollen inzwischen nachgewiesen an Tb verstorben sein, auch in Spanien hat eine Alpakafarm bereits über 30 Tiere daran verloren.
Besonders erschreckend ist, dass sich gezeigt hat, dass die Hauttests nicht zuverlässig erkrankte Tiere nachweisen konnten: auch negativ getestete Tiere mit klinisch völlig unauffälligem Befinden waren bei der Obduktion nicht nur infiziert, sondern sogar schon infektiös.
Das zeigt, dass wir es mit einer neuen, sehr gefährlichen Situation für den gerade aufblühenden Alpakabestand in Europa zu tun haben, gegen die unbedingt etwas unternommen werden muss.
Leider hat sich seit dem Erstellen dieses Artikels die Situation noch verschärft, es sind inzwischen wesentlich mehr Alpakas verstorben, als im Winter 2009, als der Artikel geschrieben wurde, bekannt waren.
Abgelegt in aabach-farm, Tuberkulose