Zuchtmethoden bei Alpakas
Zuchtmethoden bei Alpakas
Veröffentlicht in der Zeitschrift “Allespaka”, Ausgabe 4, Februar 2009; als Vortrag gehalten auf der Jahreshauptversammlung der Alpaca Association eV. am 02.11.2008
Um zu verstehen, welche komplexen Vorgänge das Zuchtgeschehen beeinflussen, ist es notwendig, ein Grundwissen der Genetik zu erwerben.
Dieses ist natürlich nicht in einem Artikel eben kurz darstellbar.
Ich werde mich deshalb auf einige wesentliche Grundbegriffe beschränken, die für das Verständnis wichtig werden.
Genaufbau:Wie wird die Erbinformation weitergegeben, wo ist sie überhaupt gespeichert?
In der Schule hat jeder sicher einmal ein Modell der DNA- Doppelhelix gesehen:
Auf zwei parallel verlaufenden Eiweißsträngen wechseln sich 4 Eiweißbausteine in ständig anderer Abfolge ab und bilden in ihrer Summe einzelne Informationen wie Worte in einem geschriebenen Text – nur leider ohne Pausen und in einer noch fremden Sprache.
Beide DNA-Stränge enthalten dieselbe Information, jeweils 2 verschiedene, aber gleich lange von Ihnen sind in einem Knotenpunkt verbunden zu einem Chromosom.
Außer den Geschlechtschromosomen (X und Y) kommt jedes Chromosom doppelt vor.
Davon stammt immer eines vom Vater und eines von der Mutter.
Bei der Zellteilung in den Hoden/Eierstöcken werden die vorher doppelten Gene aufgeteilt (Eizelle und Spermium enthalten also nur jeweils den halben DNA-Satz) und später bei der Verbindung Eizelle/Spermium entsteht wieder ein vollständiger Gensatz.
Jede vermehrungsfähige Eizelle/Spermium hat also nur einen halben Gensatz.
Die Aufteilung der Chromosomen auf die Vermehrungszellen ist dem Zufall überlassen.
Diese doppelt vorhandenen Gene auf den Chromosomen sind durchaus nicht alle „aktiviert“:
Wir wissen, dass vor jeder Gensequenz „Marker-Gene“ sitzen, die erst „angeschaltet“ werden müssen, damit das zugehörige Gen auch abgelesen und damit aktiv wird. Damit können gleiche Erbanlagen bei genetisch also gleichen Tieren unterschiedlich „aktiviert“ zu durchaus sichtbaren Unterschieden führen (also: eineiige Zwillinge können sich körperlich und seelisch unterscheiden).
Das macht die Übersicht für einen Züchter nicht leicht.
Hinzu kommt noch, dass nicht alle Geninformationen gleichartig bedeutsam sind: wir kennen alle den Begriff der „dominanten Gene“. Das sind Gene, die immer zu erkennen sind, weil sie erkennbare Veränderungen verursachen, wenn sie vorhanden sind. Andersherum: die „rezessiven Gene“ sind meist unsichtbar und werden von anderen überlagert. Ausnahme: wenn nur rezessive Information vorhanden ist, ist auch diese erkennbar.
Schwieriger wird es, wenn nicht eine einzelne Information zur Bildung einer Ausprägung erforderlich ist, sondern eine Kombination von Genen: nur wenn diese zusammentreffen, kann sich das erkennbare Bild ergeben. Hier ergeben sich nicht Ja-Nein-Bilder, sondern unterschiedlich viele Mischformen zwischen zwei Endpunkten.
Durch die oben erwähnten „Marker-Gene“ wird das Bild schließlich vollends unübersichtlich: ein vorhandenes Gen wird in Tier A gar nicht aktiviert, im Nachkommen aber wohl bei bestimmten Umgebungsbedingungen.
Jedes Lebewesen ist also eine „Wundertüte“:
Bei gleichen Genen kann es eine unterschiedliche Optik geben, bei gleicher Optik ist aber durchaus eine unterschiedliche Gen-Ausstattung möglich.
Die Konsequenz ist:
An den Nachkommen (= F1-Generation) ist das Individuum nicht sicher zu beurteilen, oft erst in der Enkelgeneration (F2) oder sogar noch später.
In Bild 1 habe ich einmal dargestellt, wie sich die Weitergabe gleichwertiger Gene auswirkt:
Dazu nun in Bild 2 dieselben Abläufe, aber mit einem dominanten (Großbuchstabe) und einem rezessiven (Kleinbuchstabe) Gen.
Man sieht an den unterschiedlichen Farben sehr schön, wie unterschiedlich die Ergebnisse ausfallen können.
Jetzt kann man sich auch sehr gut vorstellen, wie kompliziert es bei noch mehr Genen werden kann.
Viele unserer Erbanlagen werden von sehr vielen Genen verschlüsselt, das macht das Ergebnis so schwierig in der Beurteilung.
Was hat das nun für Auswirkungen auf die Zuchtplanung?
Wir kennen und praktizieren sicher schon die eine oder andere Form der Zucht, ich möchte sie hier kurz beschreiben und einander gegenüberstellen.
Uns allen bekannt und bei den Alpakas am häufigsten praktiziert ist die „wahllose“ Zucht:
Unsere Tiere kommen oft aus den Ursprungsländern Südamerikas, wir kennen die Eltern/Großeltern nicht, können deshalb nicht beurteilen, welche ihrer gezeigten Körpermerkmale sind angeboren, welche davon sind gar dominant oder anders herum: was ist umgebungsbedingt?
Ein gutes Beispiel dafür sind die X-Beine:
Es wird immer wieder unterschätzt, wie hoch der Vitamin-D-Bedarf eines Alpakas ist: schließlich kommt ja durch die dichte Faser kaum UV-Strahlung an das Blut, aus Pro-Vitamin D kann nur wenig aktives Vitamin D gebildet werden bei unserer doch sehr geringen UV-Einstrahlung im Vergleich zu den Anden.
Konsequenz: sehr viele Alpakas haben mehr oder weniger X-Beine. So hat man lange Jahre angenommen, dass es genetisch ist, es auch in Zuchtkriterien aufgenommen.
Nach vielen Jahren beobachten wir aber nun, dass es natürlich auch mal genetisch sein kann, wenn ein Tier X-Beine hat, aber bei optimaler Versorgung sind X-Beine doch sehr selten.
Züchtet man mit weitgehend unbekannten Erbanlagen, ist das Ergebnis unsicher und selbst über die nächsten Generationen können positive oder negative Überraschungen auftreten.
Es ist verständlich, dass es schwierig wird, hier einzelne Faktoren, die uns besonders interessieren, gezielt herauszuarbeiten oder zu verstärken.
Andererseits ist das Risiko, zwei versteckte negative Erbanlagen durch unglückliche Kombination hervorzubringen, sehr gering. Das ist wichtig, wenn wir an versteckte Veranlagungen zu Krankheiten und Fehlbildungen denken (z.B: Taubheit).
Einen deutlichen Unterschied dazu bildet die Linienzucht:
Hier werden nur Tiere zweier, maximal 3 verschiedener Zuchtreihen immer wieder miteinander gekreuzt. Das Ergebnis wird auf dieses Art und Weise immer zuverlässiger vorhersagbar. Ich kann auf diese Art und Weise immer näher an ein vorher von mir ausgewähltes Zuchtziel kommen.
Der Nachteil ergibt sich aus dem immer enger werdenden Genmaterial: das Risiko, unerwünschte, bisher unbemerkte rezessive Gene zu verstärken und dann in einem Großteil der Tiere zu etablieren, wird – lange unerkannt – immer höher. Wenn es dann erkannt wird, ist der gesamte Bestand gefährdet und darf nur noch mit Tieren außerhalb der benutzten Linien gekreuzt werden.
Die Linienzucht kann noch intensiviert werden durch das Inline-Breeding:
Im Deutschen wird der sehr negativ besetzte Begriff „Inzucht“ verwendet für ein Verfahren, das ganz besonders schnell ein erwünschtes Merkmal genetisch in einer Zucht verfestigen kann:
durch die Verpaarung sehr eng miteinander verwandter Tiere (Geschwister, Eltern/Kind, Verwandte 2. Grades) können sehr intensiv und oft zuverlässig einzelne Qualitäten verstärkt werden.
Ein Beispiel: ein besonders feiner Deckhengst bringt aus einer sehr guten Stute ein sehr gutes Stutfohlen. Wird dieses wieder mit seinem Vater gekreuzt, erhält das daraus entstehende Fohlen rechnerisch ¾ der Gene seines Vaters. Bei einem außergewöhnlichen Vererber die einzige Chance, möglichst viel seines Erbmaterials zu sichern.
Problematisch wird dieses Verfahren nur dann, wenn der Vater das Ergebnis einer länger bestehenden Linienzucht ist und schon unbemerkt vermehrt unangenehme rezessive Gene trägt. Das kann zum Hervortreten deutlicher Probleme führen.
Es ist also eher eine Maßnahme bei vorher „wahllos“ gezüchteten Tieren, um eine unsicher fixierte, aber sehr gute Genetik zu festigen. Hier kann dieser Zuchtweg sehr schnell und sicher große Fortschritte bringen.
Natürlich darf das Inline-Breeding nur kurzfristig und vereinzelt verwendet werden, weil sonst sogar stärkere Probleme als beim längeren Linienzuchten auftreten.
Es bietet sich besonders an bei so wenig verbreiteten Eigenschaften wie die Genetik eines Vikunjas (besonders feiner Crimp, mit Curvature über 70 ähnlich dem Kaschmir; besondere Glätte der Faser) oder eines Suris (ist leider genetisch nicht dominant und auch nicht auf nur einem Gen gelegen, deshalb ja so selten).
Aber auch zum Züchten seltener Farben wie schwarz und grau ist ein kontrolliertes Inline-Breeding nützlich.
Das Outcross-Breeding ist am ehesten als Gegenteil des Vorherigen zu sehen.
Allerdings wird hier nicht in eine bestehende Linienzucht wahllos etwas Fremdes eingekreuzt.
Vielmehr wird bewusst in ein bestehendes, gut durchgezüchtetes und bekanntes genetisches Potential eine ebenfalls sehr bekannte, aber weit entfernte Genetik eingebracht.
Dieses Verfahren wird gerade in den USA und in Australien auf unterschiedliche Weise praktiziert:
In den USA werden Vicunjas und Paco-Vicunjas immer wieder in die bestehenden Linien eingekreuzt, um den für die Verarbeitung so wichtigen feinen und hohen Crimp zu erzielen. Natürlich leidet darunter die Dichte, weshalb es nur begrenzt und bei sehr dichten Linien möglich ist. Aber die Verwendbarkeit der Faser erhöht sich enorm.
In Australien werden gezielt Suris in die Huacaya-Zucht eingebracht.
Nicht etwa, um Mischlinge – Semi-Suris - zu produzieren, sondern um Huacayas zu bekommen, deren Faser einen außergewöhnlichen Glanz und ein besonders glattes, das so genannte „kalte“ oder „wet“ Handling zu gekommen.
Wenn hier besonders feine Suris verwendet werden, kann im optimalen Fall ohne große Abstriche bei der Feinheit und beim Crimp die Huacaya-Faser erheblich gewinnen.
Ein Verfahren übrigens, das in den großen Herden in Chile schon immer und dann wahllos verwendet wird: dort laufen in den Herden verschiedene Hengste mit, durchaus auch Suris in den Huacaya-Herden. Viele der chilenischen Alpakas haben deshalb weniger Crimp und Dichte, aber ein schönes Handle und Glanz. Leider ist bei diesem wahllosen Vorgehen das genetische Material nicht gefestigt und deshalb nicht gesagt, ob es in den nachfolgenden Generationen erhalten bleibt.
Was hat das Beschriebene für Konsequenzen für uns Züchter?
Da Zucht im eigentlichen Sinne bei Alpakas erst seit den 90er Jahren in den meisten Ländern betrieben wird, enthält die Zucht von Alpakas immer mehr Risiken als bei andern Tierarten.
Bekanntes mit Bekanntem zu kreuzen bringt deshalb immer erst einmal das geringere Risiko dafür, dass mein Fohlen in der Qualität gegenüber den Eltern abfällt.
Leider lässt sich ein Zuchtfortschritt so nur langsam, aber dafür sicher erzielen.
Ein weiterer Nachteil wird erst nach vielen Zuchtjahren offensichtlich: die genetische Basis (durch das Rauszüchten weniger erwünschter Eigenschaften gehen auch unerkannt begleitende/benachbarte Gene verloren) verkleinert sich und assoziierte Eigenschaften wie die Fruchtbarkeit lassen nach. Dieser Verlust wird oft erst erkennbar, wenn er unwiederbringbar ist und sollte deshalb unbedingt vermieden werden.
Will ich schnellere Fortschritte erzielen, werde ich um die Verwendung eines kontrollierten Inline- oder Outcross-Breedings nicht herumkommen. Die höheren Risiken erfordern eine genaue „Buchführung“ der Eigenschaften über viele Generationen und eine hohe Kompetenz.
Jeder, der sich für diese Zuchtwege entscheidet, sollte seine Fähigkeiten zuerst sehr kritisch hinterfragen!
Unbedingte Voraussetzung für eine qualifizierte und erfolgreiche Zucht ist eine umfangreiche Datenbasis in Form einer jedem Züchter zugänglichen, aussagefähigen Datei mit möglichst vielen Zuchttieren und Erfassung ihrer Qualität nicht nur im Allgemeinen, sondern auch in den einzelnen Faktoren.
Abgelegt in Eigene Veröffentlichungen, Zuchtmethoden bei Alpakas