Artikel Jakobskreuzkraut

16. January 2010 von Angelika Freitag

Artikel Jakobskreuzkraut für die Zeitschrift “Allespaka”, Ausgabe 6, Februar 2010

Beschreibung:

Das Jakobskreuzkraut (lat. Senecio jacobaea) gehört zu einer großen Gruppe von Kräutern, den Kreuzblütern, die seit vielen Jahrhunderten bei uns heimisch sind.

Es ist sehr genügsam und wächst am häufigsten auf Brachflächen mit sandig/trockenen Böden und auf extensiv genutzten, also wenig oder gar nicht gedüngten Weiden wie Naturschutzweiden, Pferdeweiden u. ä..

Die Pflanze  ist mehrjährig (wird bis zu 5 Jahre alt) und blüht je nach Keimungszeitpunkt ab dem ersten oder zweiten Jahr zwischen Juni und September, selten auch später im Jahr.

Dann bildet sich aus der nur mäßig erhabenen Rosette mit stark gelappten Blättern ein bis zu 1 Meter hoher Blütentrieb, an dem in einer Dolde bis zu 20 kleine gelbe Blüten sitzen, die etwas an Margeriten erinnern.

Der Samen (pro Pflanze viele 1000)  wird vom Wind bis zu mehrere Kilometer weit getragen und bleibt viele Jahre keimfähig.

Jeder Teil der Pflanze ist giftig, den höchsten Gehalt an Giftstoffen haben die kleinen Rosetten, die wegen der geringen Lappung der Blätter kaum als Jakobskreuzkraut erkennbar sind:

Foto 1 kleine Rosette

Verschiedene Jugpflanzenkl

Auch die großen Rosetten sind sehr giftig und enthalten keinerlei warnende Bitterstoffe. Deshalb werden sie leider von allen Tierarten bedenkenlos gefressen.

Foto große Rosette

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Aber selbst im blühenden Stadium werden noch Blätter und gelegentlich sogar die Blüten trotz eines geringen Bitterstoffgehalts von Tieren gefressen, meist von unerfahrenen Jungtieren, die aber wegen ihrer noch unreifen Leberentgiftung besonders gefährdet sind.

Die Giftigkeit und Symptome einer akuten und einer chronischen Vergiftung:

Alle Pflanzenteile sind giftig: sie enthalten Alkaloide, die nach der Aufnahme und nach Umbau in der Leber den eigentlichen Giftstoff liefern, der dann zuerst die Leber, aber auch das Gehirn, die Blutkörperchen, aber auch alle anderen  Organe schädigt. Bei chronischer Aufnahme in kleinen Mengen ist die Wirkung subtil und kann lange Zeit unbemerkt bleiben. Hier treten meist zunehmende schwere Leberschäden auf, aber auch Krebserkrankungen können die Folge sein.

Weitere Symptome sind erhöhte Lichtempfindlichkeit, Darmstörungen (meist Durchfälle, aber auch Koliken), Müdigkeit und Apathie, Gangstörungen, Blutarmut, Gelbsucht, Sehstörungen, Verlust der Trächtigkeit, Gedeihstörungen und Abmagerung und ungewöhnlich: die Neigung zu Sonnenbränden.

Eine akute Vergiftung, wie sie besonders bei Pferden in den letzten Jahren zunehmend häufiger vorkommt, erfordert die Aufnahme einer größeren Menge in kürzerer Zeit und ist eher selten. Die akut toxische Dosis ist bei verschiedenen Tierarten unterschiedlich:  für ein Pferd reichen 40 Gramm Festmasse je Kilogramm Körpergewicht, beim Schaf und Rind sind erst bis zu 140 Gramm Festmasse je Kilogramm Körpergewicht die tödliche Menge.

Es scheint so zu sein, dass Wiederkäuer höhere Giftmengen überleben, weil sich bei langsamer Gewöhnung an das Jakobskreuzkraut im Pansen Bakterien ansiedeln können, die das Toxin schon hier teilweise abbauen und so die Giftmenge reduzieren. Das darf aber nicht zu einer Verharmlosung des Weidebefalls führen!

Bei chronischer Aufnahme selbst kleiner Mengen gibt es eine schleichende Schädigung. Die Tiere erkranken erkennbar aber erst im Stadium der schweren Leberstörung und sind dann meist nicht mehr zu behandeln und sterben.

Die zunehmende Ausbreitung des Jakobskreuzkrauts gerade in den vergangenen Jahren hat zu einer starken Zunahme von akuten und chronischen Vergiftungsfällen geführt, die in ihrem Erscheinungsbild so verschieden sind, dass sie als Vergiftung kaum erkennbar sind.

Fatal für viele Tiere ist die Tatsache, dass das Gift des Jakobskreuzkrauts auch in Heu und Silage vollständig  erhalten bleibt, somit auch im Winter weitere Schädigungen und sogar Todesfälle vorkommen können. Hinzu kommt, dass anders als bei vielen anderen Giftpflanzen (wie z.B. beim Hahnenfuss) diese Pflanze keine abschreckenden Bitterstoffe enthält, die die Tiere am Fressen hindern könnte.

Eine Therapie der Vergiftung ist nicht möglich. Bei einer akuten Vergiftung kann versucht werden, mit ausschwemmenden Maßnahmen die Entfernung des Giftes zu beschleunigen. Aber im Wesentlichen kann man nur versuchen, die Beschwerden der Tiere zu lindern und Begleiterkrankungen zu behandeln (wie Kreislaufstörungen, Durchfälle, Mängel an für die Entgiftung notwendigen Spurenelementen usw.).  Es ist durchaus möglich, dass leichtere akute Vergiftungen überlebt werden.

Bei der chronischen Vergiftung wird die Erkrankung meist erst im Stadium der Leberzirrhose mit Leberversagen diagnostiziert. Hier gibt es keine Behandlungsmöglichkeiten.

Wie konnte es zu der erheblichen Ausbreitung von Jakobskreuzkraut in den vergangenen Jahren kommen?

Ein ganz wesentlicher Faktor in der Förderung seiner Verbreitung ist ein fehlendes Weidemanagement.

- Die Samen keimen am schnellsten in Bestandslücken, die nicht schnell genug nachgesät wurden

- Zu spätes Ausmähen lässt die Entwicklung von Samen zu

- Durch Überweidung und damit verbundene Zurückdrängung der Nutzgräser und Trittschäden kommt es zu Lückenbildung, die den Samen Raum für die Keimung bieten

- Unzureichende Düngung gerade auf Brachflächen und Naturschutzflächen bei unzureichenden Pflegemaßnahmen schwächt die gewünschten Pflanzen und fördert so die Entwicklung anspruchsloser Pflanzen wie Jakobskreuzkraut

Was können wir tun?

Aus dem Vorhergehenden ergeben sich schon die logischen Konsequenzen:

Durch ausreichende, durchaus stickstoffbetonte Düngung werden die gewünschten Gräser gestärkt. Ein häufiges Ausmähen schwächt zudem die bestehenden Pflanzen und verhindert die Blütenbildung.

Dabei ist darauf zu achten, dass das abgemähte Material nicht auf der Weide bleibt, es darf natürlich auch nicht verfüttert werden.

Wird aber eine Weide immer wieder oder regelmäßig genutzt (von grasenden Tieren oder zur Heugewinnung), kommt man nicht umhin, die einzelnen Pflanzen immer wieder einzeln zu entfernen. Dabei ist es wichtig, dass der Wurzelstock mit entfernt wird, weil die Pflanze sonst wieder austreibt.

Ganz besonders tückisch ist das ständige Keimen und Aufkommen neuer Jungpflanzen selbst im Herbst und sehr zeitigen Frühjahr. Da gerade diese besonders viel Alkaloid enthalten, haben viele Tierhalter den Befall der Weide (gefördert durch das untypisch Aussehen der Jungpflanzen, s. Foto 1) noch kaum bemerkt, während die Tiere schon geschädigt werden.

Da die Samen über viele Jahre keimfähig bleiben, kann auch der Einsatz von Herbiziden das Problem nicht lösen: Selbst ein vollständiges Abtöten aller Pflanzen, verbunden mit anschließendem Roden und Neu-Einsäen ist unzureichend, weil die Samen dadurch ja nicht beseitigt werden.

Uns Tierbesitzern bleibt so nur die Sisyphus-Arbeit , alle paar Wochen unsere Weiden zu kontrollieren und alle neu aufgekommenen Pflanzen zu entfernen.

Hier ist ein großes Manko, dass in der Öffentlichkeit noch kein ausreichendes Wissen zu der Gefährlichkeit dieser Pflanze besteht. So werden durch Einsparmaßnahmen der Kommunen die Straßenränder, aber auch Brachflächenstreifen in Industriegebieten nur noch 1x jährlich im Herbst gemäht (also nach der Blüte), was zu einer zunehmenden Ausbreitung von Jakobskreuzkraut  erheblich beiträgt.

Auch bei der Heugewinnung wird zunehmend Wert gelegt auf spätere Schnittzeitpunkte (insbesondere bei Naturschutzwiesenheu), die die Kräftigung der Pflanzen und die Aussaat ermöglichen.

Hier sind uns die Briten doch einen erheblichen Schritt voraus:

Sowohl das Jakobskreuzkraut als auch andere ähnlich giftige Pflanzen sind als Problem offiziell deklariert worden.

In der Weeds Act von 1959 und in der aktuelleren Ragwort Control Act von 2005 (Ragwort  = Jakobskreuzkraut) ist geregelt, dass alle Landbesitzer, aber auch Behörden,  verpflichtet sind, ihr Möglichstes zu tun, die Ausbreitung zu verhindern.

Wir können nur hoffen, dass sich diese Einsicht auch in Deutschland durchsetzt.

Dr. Angelika Freitag

Aabach-Farm

Nachsatz vom Sommer 2010:

In der Zeitschrift “Umwelt-Medizin-Gesellschaft” wurde folgende Notiz veröffentlicht:

Artikel aus der Zeitschrift

Artikel aus der Zeitschrift

Abgelegt in Eigene Veröffentlichungen, Über Jakobskreuzkraut

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